
Seit dem 4. Juli lebt der deutsche Astronaut Thomas Reiter in der Internationalen Raumstation ISS. Dort soll er für Wissenschaftler in ganz Europa wichtige Experimente durchführen. Mittlerweile hat er sich eingelebt und seine Arbeit aufgenommen. Ein halbes Jahr wird er rund 360 Kilometer über dem Erdboden verbringen – so lange wie noch kein anderer europäischer Astronaut vor ihm.
Zweimal musste der Start wegen schlechten Wetters verschoben werden, beim dritten Mal klappte es: Am 4.Juli machte sich der deutsche Astronaut Thomas Reiter mit sechs weiteren Kollegen auf den Weg ins All. Das Space Shuttle (oder Raumfähre) "Discovery" brachte sie vom Weltraumbahnhof Cape Canaveral in Florida zur Internationalen Raumstation "International Space Station", die unter ihrer Abkürzung ISS bekannt ist. Dort, etwa 360 Kilometer über dem Erdboden, dockten sie zwei Tage später ohne größere Zwischenfälle an.
Während Reiters Weggefährten zehn Tage später wieder den Heimweg antraten, blieb der deutsche Astronautwie geplant an Bord der ISS, um dort als zweiter Bord-Ingenieur seine Kollegen Pawel Winogradow aus Russland und Jeffrey Williams aus den USA zu unterstützen. Beide leben und arbeiten bereits seit März auf der Raumstation und werden noch bis September bleiben, danach wird sich Reiter an neue Kollegen und Mitbewohner gewöhnen müssen.
Arbeiten in einer lebensfeindlichen Umgebung
Gemeinsam sorgt das Team dafür, dass auf der Raumstation alles reibungslos funktioniert. Die ISS muss ständig gewartet werden, damit keine technischen Fehler auftreten. Das ist enorm wichtig, denn wenn dort oben etwas schief laufen sollte, hätten die Astronauten kaum eine Chance zu überleben. Im All gibt es zum Beispiel fast keine Luft, die Räume der Station müssen deshalb ständig mit Sauerstoff versorgt werden. Auch der Luftdruck in der ISS muss mit technischen Mitteln so hoch gehalten werden wie auf der Erdoberfläche, damit Menschen dort leben können.
Schon seit 1998 kreist die ISS um die Erde – und das 16 Mal am Tag. Nach und nach wird sie erweitert und ausgebaut. Am Ende soll sie so groß sein wie ein Fußballfeld: 110 mal 90 mal 80 Meter. An ihrem Bau sind viele verschiedene Länder beteiligt. Neben der us-amerikanischen Weltraumorganisation Nasa unterstützen auch Russland, Japan, Brasilien, Kanada und die europäische Weltraumorganisation Esa (European Space Agency) das Projekt. Thomas Reiter ist der erste Esa-Astronaut, der an einer Langzeit-Mission in der ISS teilnimmt.
Spaziergang im Weltraum
Neben den alltäglichen Arbeiten und Experimenten auf der Raumstation erwartet Reiter auch noch ein ganz besonderer Einsatz: Von einem Raumanzug geschützt wird er das Innere der ISS verlassen und Reparaturen an der Außenwand der Station durchführen. Darin hat Reiter bereits Übung, denn bei seinem Aufenthalt auf der russischen Raumstation Mir im Jahr 1995 führte er bereits zwei ähnliche Einsätze durch.
Bei dem Spaziergang im Weltraum, der für kommenden Donnerstag geplant ist, wird sich Thomas Reiter freischwebend im All bewegen. Viele Menschen werden ihn um diese Erfahrung beneiden. Ungefährlich ist dieses Vorhaben jedoch nicht. Der Raumanzug stellt den einzigen Schutz gegen die lebensfeindliche Umgebung dar und muss extreme Druck- und Temperatur-Unterschiede ausgleichen.
Der Esa-Astronaut wurde aber nicht nur ins All geschickt, um Reparaturarbeiten zu erledigen. Im Rahmen der Mission "Astrolab" soll er die Schwerelosigkeit in der Raumstation nutzen, um wichtige Experimente durchzuführen. Die Versuche für diese Mission wurden von wissenschaftlichen Einrichtungen in ganz Europa zusammengestellt.
Experimente in der Schwerelosigkeit
Mit Spannung erwarten die Wissenschaftler auf der Erde die Ergebnisse der medizinischen, biologischen und physikalischen Experimente. Sie sollen zum Beispiel wichtige Erkenntnisse über den Gleichgewichtssinn des Menschen liefern. Außerdem soll geklärt werden, ob und wie Pflanzen in der Schwerelosigkeit wachen.
Ein Experiment wird Thomas Reiter von der ISS aus über eine Video-Verbindung gemeinsam mit Schülern auf der Erde durchführen. Darin geht es um das Verhalten von Flüssigkeiten in der Schwerelosigkeit und unter Schwerkraft-Einfluss. Die Schüler auf der Erde und der Astronaut im All vermischen klares Öl und mit Tinte gefärbtes Wasser in einem Behälter und beobachten dann, wie sich die Flüssigkeiten auf der Erde und im Weltraum verhalten.
Reiter bereitet an seinem momentanen Arbeitsplatz auch die Ankunft des europäischen Forschungslabors "Columbus" vor, das im kommenden Jahr an der ISS andocken soll. In dieser kleinen, aber perfekt ausgerüsteten Forschungsstation sollen dann weitere wichtige Experimente durchgeführt werden.
Wie schläft es sich schwebend?
Die deutsche Bundeskanzlerin hat dem Astronauten am Telefon eine interessante Frage gestellt: "Wie fühlt es sich an zu schweben?", wollte Angela Merkel wissen. "Es ist ein tolles Gefühl", antwortete Thomas Reiter, "besonders beim Einschlafen". Man liege nicht auf dem Rücken, auf der Seite oder auf dem Bauch, sondern schwebe leicht im Raum, nur von dem Schlafsack gehalten. Reiter: "Morgens wache ich dann immer frisch und ausgeruht auf."
Auch wenn Thomas Reiter mit Leib und Seele Astronaut ist – nach sechs Monaten wird er sich bestimmt doch freuen, wieder zur Erde zurückzukehren. Schließlich warten auf den 48-Jährigen hier seine Familie, seine Frau und die zwei Söhne, die er von der ISS aus nur einmal in der Woche in einer Video-Konferenz sehen kann. Und auf ein gutes Essen aus frischen Zutaten freut sich Reiter, der in seiner Freizeit gerne kocht, dann bestimmt auch. Bis es so weit ist, muss er sich mit der auf der Raumstation üblichen Astronautennahrung begnügen.
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